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Ein Land in Bewegung – Mission Olympic
Tanz und Kreativität bei Mission Olympic in Lübbenau (6.9.2009).
„Uuuund jetzt!“ Die Männer brüllen, packen die Griffe und schieben, bis der Bob ins Rollen kommt. Helmut Wenzel, der Bürgermeister von Lübbenau, sitzt an den Steuerseilen und lenkt den knallroten Zweier locker ins Ziel. Kein Problem, denn das Sportgerät rast nicht durch den Eiskanal, sondern auf Schienen über den Marktplatz.
Insgeheim zählen der Pilot und seine Crew schon die Punkte, die für Aktivität und Kreativität vergeben werden. Und das ist nur eine von 170 Stationen, die Lübbenau beim Festival des Sports auf die Beine gestellt hat. Die Gemeinde gehört zu den Finalstädten im Kampf um den Titel „Aktivste Stadt Deutschlands 2009“. Doch die Konkurrenz in Stuttgart, Norden, Neubrandenburg und Göttingen hat vorgelegt. Der Bürgermeister weiß Bescheid: „Die anderen waren richtig gut. Aber das spornt uns an.“ Er schaut auf die fast 900 Paare, die im Schlosspark Polka tanzen und damit fleißig punkten. „Sieht gut für uns aus“, schmunzelt er.
Rückblende: Anfang März 2008 landete der Aufruf zur Teilnahme an Mission Olympic (www.missionolympic.de) im Rathaus. Sofort war klar: Die Stadt ist dabei. Den geforderten aktiven Lebensstil leben die Lübbenauer schon lange, Sport und Bewegung haben hier Tradition. Die Lage im Spreewald bringt es mit sich, dass Kanuten hier Oberwasser haben. Doch der örtliche Breitensport hat noch viel mehr zu bieten. Rathaus und Stadtsportbund stellen im Bewerbungsschreiben dar, mit welchen Angeboten und Programmen sie die Lübbenauer zu mehr Bewegung und einem aktiveren Lebensstil motivieren.
Mitte August 2008 war das erste Etappenziel erreicht. Helmut Wenzel bekam Post von Coca-Cola und dem Deutschen Olympischen Sportbund, den Initiatoren von Mission Olympic. Lübbenau stand als Kandidatenstadt fest.
Viel Bewegung bei Mission Olympic 2009
„Damit ging die Arbeit eigentlich richtig los“, erinnert sich der Bürgermeister. Er und seine Crew mussten möglichst viele und gute private und bürgerschaftliche Initiativen für mehr Bewegung für den Wettbewerb mobilisieren. Das ist gelungen, und Lübbenau wurde Ende 2008 von der offiziellen Jury ins Finale gewählt. Jetzt waren Vereine, Sportgruppen, Teams und Initiativen gefragt, ein einmaliges Wochenende zu gestalten. Alle sollten sich Gedanken machen, wie sie die Lübbenauer möglichst originell auf Trab bringen. „Ich habe noch nie so viel über Sport und Bewegung geredet. Aber alle waren sofort begeistert.“ Er gewann die „Roten Adler“ vom örtlichen Schützenverein, die Radsportgruppe, die Judoka, die Schachspieler, den Motorsportclub, die Bogenschützen – und natürlich die Kanuten. Auch sportfremde Vereine und Initiativen ließen sich von dem Elan anstecken. Der Hafen wollte Kähne für einen Festivalkorso bereitstellen, das Kulturzentrum dachte sich ein Wettklettern aus und die Stadtbibliothek einen Bücher-Schubkarren-Wettlauf.
Am ersten Septemberwochenende 2009 ist es so weit. Am Samstag eröffnet Helmut Wenzel mit dem obligatorischen Startschuss das große Sportfest. Die ganze Stadt ist auf den Beinen und sammelt Aktivitätenpunkte. Der Bürgermeister rappelt sich aus dem Bob und eilt zur nächsten Station. Seine Rolle als „erster Vorturner“ nimmt er locker: „Macht doch Spaß. Und so eine Aktion gibt der Stadt Zusammenhalt.“ Am Sonntag steht noch der Familientag im Großen Spreewaldhafen an. Sorgen muss sich der Bürgermeister nicht machen – die Stadt läuft, wirft und tanzt mit vollem Einsatz. Am Ende zählen die Verantwortlichen 29.000 Menschen und 159.193 Aktivitäten.
Zweieinhalb Monate später: Das zentrale Einkaufszentrum platzt aus allen Nähten. Auf einer Großbildleinwand verfolgen die Lübbenauer über eine Internet-Übertragung die Preisverleihung von Mission Olympic. Als Olympiasiegerin Lena Schöneborn die Gewinnerstadt verkündet, bricht grenzenloser Jubel aus. Lübbenau hat den Titel – und 100.000 Euro für die Förderung des Breitensports gewonnen! Helmut Wenzel strahlt: „Habe ich doch gesagt – wir werden Sieger!“
Prof. em. Dr. Wolf-Dietrich Brettschneider, Department Sport und Gesundheit, Bereich Sportpädagogik und Didaktik an der Universität Paderborn und bis 2009 Mitglied im Exekutivkomitee des Weltrats für Sportwissenschaft, über seine Erfahrung in der Jury bei Mission Olympic.
Initiativen wie Mission Olympic sind enorm wichtig. Vor allem dann, wenn sie sich gerade an diejenigen Gruppen unserer Bevölkerung richten, für die Bewegung, Spiel und Sport nicht selbstverständliche Bestandteile ihres Alltags sind. Solche langfristig angelegten Maßnahmen erreichen alle Bevölkerungsschichten, begeistern für den Breitensport und steigern die Lebensqualität. Über den Sport verbinden sie Menschen und schaffen Netzwerke. Mit Mission Olympic wurde ein Programm geschaffen, das zum Mitmachen animiert, zu nachhaltigen Veränderungen in Deutschlands Kommunen führt und Menschen in der Tat ‘bewegt‘.
Alles bewegt sich
Zu den Finalstädten zählte neben Stuttgart, Lübbenau, Neubrandenburg und Norden auch Göttingen. Die alte Universitätsstadt präsentierte sich mit einem breiten Sport- und Bewegungsangebot. An 407 Stationen konnten die Göttinger zwei Tage lang „Aktivitätenpunkte“ für den Titel sammeln. Auch wenn es nicht zum Sieg gereicht hat, fühlt sich Oberbürgermeister Wolfgang Meyer als Gewinner.
Wolfgang Meyer, Oberbürgermeister von Göttingen
Sind Sie traurig, dass Göttingen nicht gewonnen hat?
Nein, überhaupt nicht. Der Gewinn des Wettbewerbs stand für uns nicht im Mittelpunkt. Wir haben hier etwas Wunderbares auf die Beine gestellt. Die Vielfalt der Beiträge und die enorme Begeisterung bei Jung und Alt haben viele Menschen in Göttingen im Interesse des Sports zusammengeführt. Das hat positive Langzeitwirkung.
Wie bewerten Sie den Nutzen von Mission Olympic für Ihre Stadt?
Wir haben hier etwas geschaffen, was über ein Sportfest weit hinausgeht. Denn das Festival des Sports war ja „nur“ das Finale einer langfristigen Vorbereitung, die zu einer größeren Vernetzung vieler verschiedener Initiativen geführt hat. Es haben sich viele Bevölkerungsgruppen mit Bewegungsangeboten beteiligt. Ob Einzelhandel oder Kirchen, Handwerker oder Medien – alle waren über die Grenzen des organisierten Sports hinaus dabei und haben etwas für sich und ihre Stadt getan.
Was ist nach dem großen Finale davon geblieben?
Die Nachhaltigkeit dieses großen gemeinsamen Prozesses werden wir wohl erst 2010 spüren. Aber sicher ist schon jetzt: Es gibt sieben neue Kooperationen zwischen Sportvereinen und Schulen, Göttingen hat zwölf neue Sportangebote – unter anderem Headis, eine Art Kopfballtischtennis, und Orientierungslauf. Die Zusammenarbeit unter den Vereinen hat an Bedeutung gewonnen. Mission Olympic hält uns also in Schwung.